Zum Tod von Christoph Schlingensief

Quelle: Wikimedia Commons

In den letzten zwei Jahren hat er so viel von seiner Krankheit, seinem Sterben gesprochen, darüber geschrieben, es zum Inhalt seiner Theaterstücke gemacht, dass man jetzt, da dieses Sterben plötzlich wahrgeworden ist, kaum glauben kann, dass es nicht schon wieder eines von Schlingensiefs Blendungs- und Schockkunststücken ist. Ein Nachruf.

Der Sonntagshimmel ballerte noch einmal raus, was ein Spätaugusttag rausballern kann. Die Menschen am Fluss schoben sich krachend Eiswaffeln in den Mund, die Hunde lebten schwanzwedelnd ihre Analfixierung aus, und ich versuchte, der Spaziergängerin zu erklären, was es bedeutet, dass Christoph Schlingensief tot ist.

Kasperliade als Lebensform

Wer die Kasperliade als ernsthafte Lebensform betrieb, der durfte in Verkleidungen, als Doppelagent provocateur und sogar ohne Maske auftreten: Es war alles eins.

In Wolfgang Murnberger Krimiverfilmung „Silentium“ spielte Schlingensief sich selbst, als Parodie eines exzentrischen Opernregisseurs – einen Part, den er 2004 schon in Bayreuth gegeben hatte. Im Film greift ein anwesender Geistlicher nach Schlingensiefs Handflächen und betrachtet sie eingehend.
Der Gottesmann fragt den Regisseur: „Sie haben interessante Hände. Haben Sie mit diesen Händen früher schwer gearbeitet?“
Schlingensief, nach kurzer Bedenkpause wie selbstverständlich: „Nein.“

Als Christophdampf in allen Gassen, als Infant der ästhetischen Freiheit, machte er sich nicht nur Freunde. Verklemmte Kästchen- und Kopienmaler, die den „Performer“ Schlingensief – das war als Schimpfwort gemeint – nicht im deutschen Pavillon der Biennale haben wollten, wären wohl insgeheim gerne gewesen wie er. So unabhängig. So großzügig im Scheitern. So auf sich selbst bezogen und so sendungsbewusst ins eigene Werk verliebt.

Multimedia-Synthese aus Meese, Schwitters und Piscator

Er arbeitete bis zuletzt. Sein Sterben ist für den Kulturbetrieb auch deshalb ein Schock, weil er Wunden in die festgefügten Spielpläne schlägt, in denen der Tod eines Wandlungsreisenden nicht vorgesehen ist. 2011 wollte er den Pavillon in Venedig gestalten, eine Professur an der Braunschweiger Kunsthochschule hätte Schlingensief noch bis 2014 ausfüllen können. Erst im Juli sagte er seine für die Ruhrtriennale geplante Produktion S.M.A.S.H. kurzfristig ab.

Ein Idol wird man, wenn man nicht mehr zu kopieren ist, weil jeder Nachahmer als Epigon auffliegt, sagte ich zur Spaziergängerin.
Aus den Eiswaffeln waren Bratwürstchen geworden, die Hunde schleiften jetzt armdicke Stöcke aus dem Fluss. Ich sagte der Spaziergängerin etwas von „Unbedarftheit im positiven Sinne“, Worte, die ich selbst nicht verstand, weil ich immer daran denken musste, dass der Mann mit der Struwwelpeterfrisur, diese Multimedia-Synthese aus Jonathan Meese, Kurt Schwitters und Erwin Piscator, jetzt tot ist.
Ich sagte, dass ich gestern Vormittag, am Samstag, noch im Zeitschriftenhandel des Hauptbahnhofs nach der neuen Spex-Ausgabe gegriffen hätte. Auf dem Cover: Schlingensief.

Er sah aus wie Marlon Brando, hinten im Interviewteil, sagte ich zur Spaziergängerin, großformatige Fotos, mit zerknittertem Gesicht und schwarzen Augenringen. Als ich das Heft zurück in die Zeitschriftenwand stellte, spürte ich überhaupt nichts, obwohl es etwa in diesem Moment passiert sein muss (drei Stunden später lief die Nachricht über die Ticker), weil das Leben meistens so profan ist wie die hilflos herbeigeschriebene Analogie Zeitschriftencover-Todesfall.

War er der Politclown – oder die, die ihn dafür hielten?

Jetzt, Sonntagnachmittag, haben längst alle Laptoptastaturen der Republik zu klappern begonnen. Jeder versucht, dem Singulärphänomen Schlingensief eine etwas andere Nuance abzupressen. Er hat genug für alle hinterlassen: Film-, Theater- und Opernregisseur, Autor, Aktionskünstler, Maler und Talkmaster, der er war.
Natürlich erwähnen alle die Krebserkrankung, den amputierten Lungenflügel, die Hochzeit im letzten Jahr: Sowas macht sich immer gut.
Fast alle schreiben auch über die Big-Brother-Aktion, mit der Schlingensief im Jahr 2000 so richtig berühmt wurde: Er hatte mitten in der Wiener Innenstadt einen Container aufgestellt, in dem Asylanten eingesperrt waren. Durch Abstimmungen konnte das Publikum entscheiden, welcher Teilnehmer das Land verlassen musste.

Über den Künstler Schlingensief vergisst man schnell den Politiker. Immer wieder hat Schlingensief in die Gesellschaft eingegriffen, sich in Talkshows vehement gegen die FDP ausgesprochen, in den Neunzigern seine eigene Partei, „Chance 2000“, gegründet.
Einmal lud er vier Millionen deutsche Arbeitslose ein, gleichzeitig im Wolfgangsee zu baden, um so das Urlaubsdomizil von Helmut Kohl zu fluten. Statt der vier Millionen kamen nur hundert, aber es reichte, um ein Signal zu setzen – auch für den Kunstbetrieb, der merkte, dass man mit und aus der Mitte der Gesellschaft Wirkung entfalten kann, wenn man den Enthusiasmus dazu aufbringt.
War er der Politclown – oder waren es die, die ihn dafür hielten?

Neunzigminütige Hardcore-Comedy

Ich erzähle der Spaziergängerin stockend von Schlingensiefs frühen Filmen, die auch dem jungen Peter Jackson alle Ehre gemacht hätten: Neunzigminütige Bacchanalien, die noch mit den exzessivsten Auswüchsen des deutschen Regietheaters locker mithalten können. In „United Trash“ ließ Schlingensief die Monsterbrüste Kitten Natividad einen dunkelhäutigen Zwerg namens Jesus Peter Panne gebären, der nach einer missglückten Operation eine riesige Vagina auf dem Kopf zurückbehält, aus der es dampft und zischt.

Den Schlingensief hinter der Hardcore-Comedy zeigt erst die Dokumentation, die der DVD beigegeben ist. Was passierte, als die Kameras nicht liefen, war der bessere Film – eine Geschichte, die eines Schlingensiefs würdig gewesen wäre: Regisseur und Crew waren gezwungen, in Simbabwe (gedeckt vom deutschen Botschafter)  in ein Lager einzubrechen, um die Filmrollen wiederzubekommen, die der Geheimdienst konfisziert hatte.
„Ich hab von dem Film gar nichts, er gefällt mir auch nicht richtig“, sagte Schlingensief anschließend, „aber ich hab ihn im Kopf, und das reicht.“

Das, sagte ich zur Spaziergängerin, hat mich vollkommen überzeugt. Da hat er mir Angst gemacht. Da musste ich ihn ernstnehmen.

Sein Tod ist der eigentliche Skandal

Einmal schüchterte Harald Schmidt ihn in einer Talkshow so ein, dass Schlingensief die Bühne verließ und sich in der Garderobe einsperrte. In der nächsten Sendung warf er sich vor laufender Kamera auf einen Gast, der ihm quergekommen war, und riss ihn zu Boden: Ein Ausfall, so unerwartet wie ein Weinglas aus der Wurfhand von Karin Struck.

Jetzt, Montagmorgen, ist die Presseschau da: „Das größte Herz, das im Kunstbetrieb zu finden war“, haben sie geschrieben, „wanderpredigerartiger Habitus“, „Lust am Scheitern“ und natürlich am „Anarchischen“, „Medienclown“, „enfant terrible“, aber auch „zart, verletzlich, zugeneigt“, dann wieder „das Grelle, das Getriebene“, der „Rebell“, der „Gesamtkünstler“.
Sie haben seine Wagner-Inszenierungen beklatscht und seinen Plan, ein Festspielhaus im afrikanischen Busch zu errichten, zu dem im Februar der Grundstein gelegt wurde. Nach Afrika, dort wollte Schlingensief hin, um in Ruhe zu sterben.

„Nicht, weil ich mich dort besonders verankert fühle“, sagte der Regisseur Ende 2008 im Spiegel, kurz nachdem er seine Erkrankung bekanntgegeben hatte: „Nur habe ich, seit ich vor fast 30 Jahren zum ersten Mal dorthin kam, das Gefühl, dass ich dort zur Ruhe komme. Das ist etwas Spirituelles.“
 
„Ich denke, ich lebe noch sehr lange“, war sich Christoph Schlingenschlief noch letztes Jahr sicher, in einer Talkshow mit Charlotte Roche. Dass er nicht mehr am Leben ist, sagte ich zur Spaziergängerin, ist der eigentliche Skandal.

Kommentare

Bild von Irena A.

Danke. Schlingensief war

Danke.
Schlingensief war eine eigenständige und authentische Künstlerpersönlichkeit. Es ist wirklich sehr schade, dass er nicht mehr da ist.

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