WÖRTER VON MORGEN (Teil II)

Foto: Julia Meisner

Im zweiten Teil unseres Interviews sprechen der Dramatiker Michel Decar und der Romanautor Victor Witte darüber, ob Geld oder Liebe sie zum Schreiben bewogen hat, welche Schriftsteller sie schätzen und ob man alles selbst erlebt haben muss, um darüber schreiben zu können. 

globe-M: Wann habt ihr angefangen zu schreiben?

Michel Decar: Ich habe erst sehr spät angefangen zu schreiben, mit 18 oder so. Auch das Lesen erst etwas später, mit 15 oder 16. Da habe ich mir aus Interesse die großen Teile aus der Bibliothek meines Vaters gekrallt. Dann wird man automatisch besser, du verinnerlichst Wörter, Stile und Sätze. Dann fängt man an zu schreiben. Weil man Liebeskummer hat, oder wegen Geldmangel, es ist immer eins von beidem. (lacht) Ich habe sogar wirklich aus Geldmangel angefangen zu schreiben. Ich hatte gerade mein Abitur und das Theater Augsburg hatte einen Dramenwettbewerb ausgerufen. Bis dahin war mir nicht klar, dass man mit Schreiben Geld verdienen kann. Man sollte Stücke zu irgendeinem Thema einschicken und der Gewinner erhielt 5000 Euro. Da dachte ich „Das ist doch besser als ein Nebenjob, wie einfach“. Es hat natürlich nicht geklappt, das Stück ist auch nie fertig geworden, es waren vielleicht zehn Seiten am Ende. Die waren auch echt schlecht. Da redet man nicht drüber, aber das sind so Initialzündungen: Geld oder Liebe.

Victor Witte: Ich weiß gar nicht, ob ich das als Schreibanfang verkaufen kann, aber ich versuch‘s mal: Ich war ja lange Zeit, besonders in der Grundschule, vor allem Fußballer. Und wenn ich nicht draußen war und selbst spielte, habe ich in meinem Zimmer gesessen und Turniere erfunden. Das heißt, ich habe fiktive oder reale Mannschaften gegeneinander antreten lassen und mir die Ergebnisse ausgedacht. Es musste immer möglichst knapp sein, und eine gute Mannschaft hat gegen eine schwächere auch schon mal Unentschieden gespielt oder nur ganz knapp gewonnen. Das waren jetzt in dem Sinne keine literarischen Texte, aber es hatte mit Produktivität und (Auf-)Schreiben zu tun. Irgendwie hatte ich damals so einen kleinen Fetisch für Tabellen. Ich habe auch Freundestabellen geführt. Es gab immer eine Tageswertung, und aus den Tageswertungen ergab sich die Gesamtwertung, an der ich ablesen konnte, wer mein bester Freund war. Na ja. Wenn man mich jedenfalls fragt: Geld oder Liebe? Dann war‘s wohl die Liebe. Die Liebe zum Fußball. (lacht.)

Michel Decar: Ich kenne mich ganz schlecht aus mit jungen Prosaautoren, außer das was ab und zu im Feuilleton besprochen wird, aber so eine Ahnung von den geilen neuen Underground-Leuten habe ich nicht. Hast du da eine Empfehlung?

Victor Witte: Leif Randt – Schimmernder Dunst über Coby County, wobei das eigentlich nichts mehr mit Underground zu tun hat. Der Roman bzw. ein Auszug hat ja auch beim Bachmannpreis gewonnen. Es geht es um eine fiktive Stadt – um Coby County. Die Stadt liegt am Meer, es ist warm, den Bewohnern geht es bestens, und bald kommt die Zeit, in denen viele Menschen nach Coby County reisen, um dort Urlaub zu machen. Also alles wie auf einem Wellness-Weekend-Flyer oder so. Aber irgendwie hat man beim Lesen immer so ein komisches Gefühl, als würde da irgendwas nicht stimmen. Man könnte sagen: Das Problem dieser Stadt ist, dass es keine Probleme zu geben scheint. Und da kommt einem Coby County dann sehr bekannt vor.

Michel Decar: Gibt es bei Prosa grade geile junge Verlage, die man anstrebt? Oder sind das noch die dicken alten etablierten Schlachtschiffe?

Victor Witte: Der Berlin Verlag macht nach wie vor sehr interessante Sachen, auch wenn er gerade wieder verkauft wurde. Leif Randt zum Beispiel. Elisabeth Ruge, die den Verlag damals mit gegründet hat, ist mittlerweile bei Hanser gelandet. Da leitet sie jetzt Hanser Berlin, und im Herbst kommt das erste Programm, auf das man gespannt sein darf. Wobei Hanser selbst ja eines der etablierten Schlachtschiffe ist. Und da gibt es natürlich auch die anderen, die man kennt. Fischer, Suhrkamp und so weiter.

globe-M: Inwieweit ist die Nachwuchsförderung ein wichtiger Punkt für euch?

Michel Decar: Es gibt unzählige Förderpreise oder Stipendien. Oder Aufenthalte in Dörfern, in denen man ist und was schreiben darf und da leben kann. Wenn man jünger ist, geht es also. 35 ist da eine gängige Grenze. Wenn man da drüber ist und du schreibst immer noch experimentell, hast du ein Problem. Die Branche lebt einfach von Kontakten und Glück. Grade in der Kunst ist es so subjektiv: Was ist gut? Oder schlecht? Jeder sagt etwas ist schlecht und wenn nur ein wichtiger Kritiker sagt, es ist toll, das ist dann fast 10 000 Euro wert. Auf einmal finden es alle gut. Es ist sehr subjektiv.

globe-M: Wie viel Persönliches liest man aus euren Texten?

Victor Witte: Bei mir sehr viel. Ich nehme das als Grundlage und poliere es auf oder übertreibe es. Ich lebe mich da zum Teil auch aus, obwohl oder vielleicht auch gerade weil ich das, was ich schreibe, selbst nicht real erleben will. Es geht mir aber immer darum, dass das, was ich schreibe, gemessen an unserer Realität, vorstellbar ist. Dass so etwas also auch bei uns geschehen könnte, sei es auch nur in Extremfällen. Gute Literatur ist in der Lage, auf Strukturen zu verweisen, die in der Realität vorhanden sind, und die viele gar nicht wahrnehmen, obwohl sie selbst davon beeinflusst werden.

Michel Decar: Alte Frage der Literatur. Die eine Hälfte sagt, du musst die Geschichten erlebt haben, sonst ist keine Power dahinter. Hemingway meinte zum Beispiel, es muss die Wahrheit sein, sonst ist es total langweilig. Und die andere Hälfte meint, man muss sich etwas ausdenken. Ich mache irgendwie beides, ich verfremde oder unterfüttere meine Realität. Da kommt man nicht drum herum.

globe-M: Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen:

Michel Decar wurde 1987 in Augsburg geboren und studierte an der LMU
München Germanistik und Geschichte, sowie Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Seine beiden ersten Stücke „Kinski in Love“ und „Die Inkonsequenz meiner fehlgesteuerten Fremde“ inszenierte er selbst an der Studiobühne München.
"Waldemarwolf" wurde am BAT Berlin und am Maxim Gorki Theater szenisch eingerichtet. 2011 wurden Ausschnitte des Stückes "Jonas Jagow" in der Literaturzeitschrift "Bella Triste" veröffentlicht. „Jonas Jagow“ wurde 2012 als eins von fünf Stücken auf dem Stückemarkt des Theatertreffens aus 325 Einsendungen aus 29 europäischen Ländern von der Jury in den Wettbewerb gewählt. Die fünf ausgewählten Stücke werden in szenischen Lesungen vorgestellt.

Victor Witte wurde 1988 in Berlin geboren, studierte dort Philosophie und Germanistik und nahm 2009 teil am Autorenkolleg der FU Berlin. Im selben Jahr begann er sein Studium „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ in Hildesheim. Texte erschienen von ihm in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften, zuletzt ein Auszug aus seinem Romanprojekt Deluxe in der Landpartie 2012 (Edition Pächterhaus).

 

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