Der bekannte Bestsellerautor Arno Surminski hat einen neuen Roman geschrieben: „Winter Fünfundvierzig oder die Frauen von Palmnicken“.
Er liest im Stolper Schloß, einem sympathischen Veranstaltungsort auf Usedom. Die Schloßhalle ist mit mehr als 60 Besuchern, darunter etlichen Touristen, voll besetzt.
Zur Stärkung werden vorab deftige Schmalzbrote und kräftiger Rotwein gereicht. Ein wärmendes Feuer knistert im Kamin. Das wird nötig sein.
Surminski beginnt den Abend mit einem Kommentar zu seinem neuen Werk. Man könne einen Roman nicht allein um 3 000 am Strand hingemordete jüdische Frauen kreisen lassen, das sei zu schrecklich. Er habe deren Schicksal darum mit dem anderer ostpreußischer Frauen verknüpft.
Zum Beispiel mit dem Lisas, einer einfachen Bäuerin, deren Mann an der ungarischen Front als vermisst gilt. Die allein vier Kinder großzieht, die fliehen muss und doch so gerne bleiben würde. Die extra noch ein Brikett in den Ofen legt und die Haustür nicht verschließt. Und dann doch als eine der letzten sich nach Westen aufmacht.
Besonders eindrucksvoll wird ihre Flucht über das Frische Haff beschrieben.
Das Publikum hält den Atem an. Ihre Ankunft auf der Insel Usedom (nicht mehr alle ihre Kinder sind dabei), die angeschwemmten Toten. Viele Zuhörer haben feuchte Augen.
Fragen werden nicht mehr gestellt.
Seit dem Zweiten Weltkrieg sei die Ostsee ein Friedhof, betont Surminski. Mit diesem Roman habe er diesen Toten ein Denkmal setzen wollen.
Doch Arno Surminski entlässt seine sichtlich ergriffenen Zuhörer nicht in dieser Stimmung. Er beschließt die Lesung mit einer Geschichte, die wieder zum Schmunzeln anregen möchte: „Die masurische Eisenbahnreise“, die ein ostpreußisches bäuerliches Kindheitsidyll der Kaiserzeit (ohne politische Konnotationen) wiedererstehen lässt und ein wenig an die Stimmung von „So zärtlich war Suleyken“ seines Freundes Siegfried Lenz erinnert.
Wie gewohnt sind Arno Surminskis Werke fernab von Revanchismus. Er beschreibt einfach, wie es war. Und als Ostpreuße weiß Surminski, worüber er schreibt. 1945 hat er seine Eltern als Elfjähriger verloren. Ihr Treck wurde von der Front überrollt; sie wurden nach Russland deportiert, wo sie umkamen. „Ich will keine Ansprüche, und ich will auch keine Schuldzuweisungen, ich will nicht anklagen!“ betont der Literat, der heute in Hamburg lebt. Statt dessen gelingen ihm immer wieder authentische Erzählungen und Romane, die mit eindringlicher Klarheit die Leser zu fesseln verstehen. Sommer Fünfundvierzig gehört dazu. Surminski erhält an diesem Abend auf Schloß Stolpe viel Applaus.
Völlig zurecht, wie globe-M meint.
Arno Surminski
Winter Fünfundvierzig oder die Frauen von Palmnicken; Ullstein, 19,95 Euro.
Wir empfehlen außerdem:
Sommer Vierundvierzig oder Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen; Ullstein, 8,45 Euro.
Der Winter der Tiere; Ullstein, 18 Euro.