Am Hauptbahnhof bemerken wir noch nichts. Aber dann fahren wir in die Stadt hinein und wissen: Hier ist Festspielland. Wagners Profil wirft einen markanten Schatten über ganz Bayreuth. Eigentlich sind wir hier, um Geburtstag zu feiern, völlig unschuldig und sowohl finanziell als auch kulturell nicht wirklich Kandidaten für die Bayreuther Festspiele.
Aber schon nach wenigen Minuten in der Innenstadt ist uns klar: Man kann nicht in Bayreuth sein, ohne in den Sog einer 134 Jahre alten Tradition hineingezogen zu werden.
Wagner wollte ein Opernhaus ohne Reportoire-Betrieb, das sich einzig der Aufführung seiner Stücke widmen sollte. Am 13. August 1876 ging schließlich die erste Aufführung in Bayreuth über die Bühne: Der komplette „Ring des Nibelungen“. Leider beschämten einige technische Pannen Wagner so sehr, dass er sich nach der Vorstellung weigerte, vor das applaudierende Publikum zu treten. Aus finanziellen Gründen (sprich: hohen Schulden) gab es in den darauf folgenden Jahren keine Aufführungen, erst 1882 konnte der „Parsifal“ auf dem "Grünen Hügel" aufgeführt werden. Und damit begann die wechselvolle Geschichte der Bayreuther Festspiele erst richtig. Besonders nach Wagners Tod ereigneten sich unzählige Dramen bis hin zu den heutigen Debatten um die Angemessenheit von Public Viewing oder um umstrittene Inszenierungen des Regietheaters, die mit Traditionen brechen.
Sommerzeit im Festspielland
All diese Informationen haben uns Wikipedia und diverse Bayreuth-Seiten verraten, die wir uns vor unserer Reise angeschaut haben. Jetzt sind wir aber wirklich vor Ort. Gleich am Eingang der Fußgängerzone thront ein großer Hugendubel. Die frühere Familienbuchhandlung ist mittlerweile eine Kette, deren einzelne Filialen in den jeweiligen Städten kaum unterscheidbar sind. Bis auf einige regionale Tische, auf denen auf die jeweilige Stadt Bezug genommen wird. Hier in Bayreuth erwartet uns gleich am Eingang auf dem Grabbeltisch die Biografie von Cosima Wagner (Wagners Frau, spätere Leiterin der Festspiele) für acht Euro, ihre Briefe für fünf Euro.
Weiter hinten gibt es den obligatorischen Wagner-Tisch. Biografien, Noten, Reclam-Operntexte, Postkarten, Anhänger, Kulis und nicht zu vergessen: kindgerechte „Green Hill Toons“, in denen auch den Kleinen die komplexen historischen, musikalischen und organisatorischen Zusammenhänge von Wagners Opern(haus) in lustigen Bildchen erklärt werden. Es sind sogar Torten mit den Green Hill Toon-Motiven erhältlich, allerdings nicht bei Hugendubel.
Was ist das nur für eine Stadt?
Gut, von einer Buchhandlung ist sowas zu erwarten. Aber dann bummeln wir auf aufgerissenen Straßen in die Fußgängerzone, an einer gigantischen Baustelle vorbei. „Und das zur Festspielzeit, unmöglich“, ruft eine ältere Dame in der örtlichen Mundart. Wir schlängeln uns an Dame und Bauzäunen vorbei und flanieren an Schaufenstern entlang. Eine Apotheke hat in ihrem Fenster ein Schild hängen: „Sommerzeit ist Festspielzeit“. Ob sie auch Medikamente gegen Opernübelkeit anbieten?, fragen wir uns. Neben dem Schild hängen zwei Marionetten: Zwei alte Damen, offensichtlich Festispielpublikum. Sie tragen schicke Häkelkleider und hübsche Schühchen und lächeln so ekstatisch, als erklänge gerade die Ouvertüre zum Lohengrin.
Dieser Lohengrin lief schon, wie wir aus einem zufälligen Gespräch im Eiskaffee neben der Apotheke erfahren. Irgendwas mit Ratten. Aha. Wir ziehen weiter. Wagner, Wagner, Wagner, überall. Selbst in der „Antikothek“ am anderen Ende der Fußgängerzone erwartet uns Wagner: Noten, Bilder, Teller, Büsten, Plakate. Puh.
Benommen wenden wir uns ab: Hier lehnt sich wirklich niemand gegen den Wagner-Wahn auf. Diese Stadt ist Wagners Verdikt verfallen, ihm zu huldigen. Und das schon seit 134 Jahren. Wenigstens werden wir auf der Geburtstagsfeier von Wagner verschont werden: Eine alternative Trommelgruppe und Aquarell-Malerinnen, ein Tippi im Garten und jede Menge Kuchen. Erholung von Bayreuths Wagnerrausch.
Falsch gedacht
Aber nein! Bei Kaffee und Kuchen wird eifrig besagter Lohengrin diskutiert, besser gesagt, die diesjährige Premiereninszenierung von Hans Neuenfels. Eine der Schauspielerinnen ist gut befreundet mit einem der Gäste. Sie hat ihm schon im vorhinein von den Rattenkostümen berichtet, die aus einem engen neoprenartigen Anzug und einer Rattemaske bestünden – unmöglich zu tragen und noch unmöglicher zum spielen.
Der Hauptgedanke dieser Lohengrin-Interpretation sei, die Figuren in ein Labor zu stecken und den Chor in Rattenkostüme. „Sie hat gesagt, was es bedeuten soll, aber ich habs vergessen“, sagt der Gast und schenkt sich eine weitere Tasse Kaffee ein.
Eine der Kostümbildnerinnen von Neuenfels Lohengrin hat bei unserer Gastgeberin gewohnt, sie hat in ihr Gästebuch einen Kostümentwurf gemalt, mit einer kleinen Widmung. Hier sind öfter Sänger, Schauspieler, Maskenbildner etc. zu Besuch, wie wir erfahren. Und auch die anderen Gäste haben meistens irgendeine Verbindung zu den Festspielen und ihren Ausläufern – bekannt, verwandt, verschwägert, verlobt … Die Verbindung zwischen Bayreuth und Wagners Nachlass sind enger, nachhaltiger und direkter, als wir annahmen. Wir sind schockiert. Wir sind erschöpft.
Überraschung! Wagners heiße Krankenschwestern
Da kommt unsere Gastgeberin von drinnen nach draußen in den Garten, wo wir sitzen, und hält Karten in der Hand. „Überraschung! Wir gehen ins Theater!“ Nein, wir gehen nicht ins Festspielhaus. Aber zur Studiobühne Bayreuth im Hoftheater im Steingraeber-Palais, einer Klavierfabrik, die ihren überdachten Innenhof zur Festspielzeit als Sommertheaterbühne nutzt. Auch hier ist das Bayreuther Wagner-Mantra zu spüren. Die Aufführung, die wir sehen: „Thannreuther, Meistersinger – Der gantze Sängerkriech an einem Abendt“.
Dieser Wagner-Abend enthält alle Apothekenfenster und Green Hill Toons, die wir vorher gesehen haben – und damit die Essenz Bayreuths: Die Geschichte Tannhäusers wird mit der der Nürnberger Meistersinger verknüpft. Beide Opern erzählen Sängerkriege. Der Tannhäuser kommt nach einem Lustausflug in den sündigen Venusberg zurück und outet sich bei einem Sängerstreit – woraufhin er von seiner Liebsten zur Buße nach Rom gesandt wird. In den Meistersingern streiten verschiedene historische Figuren den alten Streit zwischen Volkskunst und hoher Kunst. „Tannreuther, Meistersänger“ kombiniert die beiden Sängerstreite und legt seinen Fokus auf die Liebesgeschichten, die sich rund um die tragischen Helden ranken.
When two become one...
Mehr Drive, mehr Witz, mehr (fränkischer) Dialekt ist die Devise der Parodie auf Wagners hohe Kunst. Pathos und Emphase sind gestrichen, gesungen wird nur in Ausnahmefällen und das meistens schlecht. Die sehnsuchtbeladenen Damen sind keine ätherischen Wesen, sondern dralle Dirndlmädels (Meistersingers Eva) und sensible Krankenschwestern (Tannhäusers Elisabeth). Tannhäusers sündige Venus trägt ebenfalls Krankenschwesterkostüm – allerdings in Lack und aus dem Sexshop. Respektloser wird es aber nicht: Die Diskurse und Themen, die Wagner in seinen Opern verarbeitet hat, werden durchaus, wenn auch pointiert, im Text verarbeitet. Die Geburtstagsgesellschaft amüsiert sich köstlich.
Und uns kommt die Erkenntnis: Bayreuth ist gar nicht hörig. Es hat Wagner und seine Festspiele über das letzte Jahrhundert lieb gewonnen, wie einen schrulligen Onkel, der jedes Jahr zur gleichen Zeit zu Besuch kommt und das ganze Haus dominiert. Man geht mit ihm um, liebe- und humorvoll. (Und vielleicht springt auch noch der ein oder andere finanzielle Vorteil dabei raus.) Plötzlich finden wir die Apotheken, die Comics, den Merchandising-Wahn gar nicht mehr so gruselig. Sondern eigentlich ganz sympathisch. Außerdem kommt der Onkel ja nur einmal im Jahr.