Darf man das Schicksal von Entführungsopfern wie Natascha Kampusch auf die Bühne bringen? Martin Kušej hat an der Bayerischen Staatsoper diesen Versuch unternommen, indem er Antonín Dvořáks Rusalka als Albtraum und erfolglose Selbstbefreiung eines Missbrauchsopfers inszeniert.
Es gibt kein Entkommen
Die Wassernixe Rusalka vegetiert mit ihren Schwestern im Kellergefängnis des Wassermanns, der sie zur Lustbefriedigung gefügig macht. Sie ist bereit, ihre Unsterblichkeit für eine menschliche Seele aufzugeben, um die Liebe des Prinzen zu erlangen. Bezahlen muss sie dafür mit ihrer Stimme. Doch befreit aus ihrer dunklen Welt muss sie mit ansehen, wie der Prinz eine fremde Frau vorzieht. Erst der „rettende“ Kuss ermöglicht Erlösung im Tod - so die Fassung des Librettos. Der Regisseur Kušej glaubt aber nicht an Märchen. Seine Erlösung ereignet sich in einem kalten Spital, wo der Prinz nicht an der Umarmung mit Rusalka stirbt, sondern selbstsüchtig Selbstmord begeht.
Märchenhafte Landschaft – bloße Fototapete
Bereits Martin Zehetgrubers düsteres Bühnenbild macht klar, dass Rusalka ihrem Schicksal auch außerhalb des Kellergefängnisses nicht entkommen kann. Die schöne Fototapete im Hintergrund bleibt das einzig Romantische der Inszenierung. In einem nur über Falltür und Leiter erreichbaren Keller werden die Töchter gefangen gehalten, wobei die jüngeren Kinder als Inzest-Kinder Rusalkas denkbar sind – Amstetten auf der Opernbühne. Auch das Prinzenschloss stürzt genau in dem Augenblick in Richtung Publikum, als Rusalka erkennen muss, dass ihr Prinz nicht nach reiner Liebe strebt – ebenso wenig wie ihr einstiger Peiniger.
Irritierende Ebene durch die Musik
Der Dirigent Tomás Hanus hält sich an Dvořáks Zaubermusik, zelebriert sie förmlich. Und gerade durch diesen Schönheitsrausch fügt er der düsteren Inszenierung eine irritierende zweite Ebene hinzu. Doch Dvořáks Musik ist bei weitem nicht so harmlos, wie sie an diesem Abend klingt. Wenn der Prinz todessüchtig zu Rusalka flieht, liefert das dem Komponisten die Gelegenheit, ein Liebesduett in Anlehnung an „Tristan und Isolde“ als Höhepunkt an den Schluss der Oper zu stellen. Gemeint ist die unstillbare Sehnsucht nach einer über sexuelle Erfüllung hinausgehenden Erlösung.
Apropos: das Reh
Bereits vor der Premiere hatte die Inszenierung für Aufregung gesorgt, als herauskam, dass der Regisseur ein totes Reh auf der Bühne häuten will, um den Besuchern die ganze Hässlichkeit dieser Welt plakativ vor Augen zu führen. Nach Protesten von Tierschützern verzichtete Kusej aber auf das tote Tier und benutzt stattdessen eine Tierattrappe. Ob echt, ob falsch, der brutalen Alltagsästhetik des Abend tut das keinen Abbruch.
Starker Eindruck am Schluss
Und so fand der bereits angekündigte Skandal nicht statt – was auch sehr schade gewesen wäre. Schade für die fesselnde Arbeit des Regisseurs mit schlüssig durchgehaltenem Konzept und starken, teilweise verstörenden Bildern. Aber vor allem schade für die exzellenten Sängerdarsteller. Allen voran die packende lettische Sängerin Kristine Opolais in der Titelrolle. Klaus Florian Vogt singt den Prinzen mit mühelos durchdringendem Tenor, auch wenn sein Mangel an Farben ihn kaum als leidenschaftlichen jugendlichen Liebhaber erscheinen lässt. So ist das Ende fast wie immer, wenn die Neuinszenierung der Münchner "Rusalka" als Inzest-Studie vom Premierenpublikum ausgebuht - und zugleich heftig bejubelt wird.
„Rusalka“ von Antonín Dvorák Bayerische Staatsoper
München Max-Joseph-Platz 1
80539 München
Tel.: 089 2185-01
Premiere am 23. Oktober 2010; 4. November 2010
22., 25., 29. Mai 2011; 1., 4. Juni 2011
Münchner Opernfestspiele: 15., 18. Juli 2011