Auf die Frage, was er sei, gab Marcel Duchamp in einem Interview die berühmt gewordene Antwort „einfach ein Atmer“. Zum seinem hundertjährigen Aufenthalt in München würdigt das Lenbachhaus den revolutionären Künstler, mit der ersten Duchamp-Einzelschau der Stadt.
Auf Durchreise
Ende Juni 1912 steigt Duchamp in München aus dem Zug. Ursprünglich will er nur Max Bergmann, einen guten Freund besuchen. Doch beschließt er länger zu bleiben und logiert knappe drei Monate zur Untermiete in einem Zimmer in der Barerstraße. In München entwickelte er mehrere bedeutende Arbeiten, wie zum Beispiel das Gemälde „Von der Jungfrau zur Braut“ oder bereitete andere Arbeiten vor, wie das „Große Glas". Beim Besuch des Deutschen Museums und der Bayerischen Gewerbeschau findet er wichtige technische Details als Inspiration für seine Arbeit. Und er besucht oft die Alte Pinakothek mit Gemälden Lucas Cranach dem Älteren. Duchamp selbst notierte später über seine Zeit in München: "Mein Aufenthalt in München war der Ort meiner völligen Befreiung".
Vorbereitung einer Revolution
Duchamp war bahnbrechend für die Kunst des 20. Jahrhunderts: Mit seinen "Readymades", fertig vorgefundenen Objekten, die er zu Kunst erklärte, wurde Duchamp schon vor dem ersten Weltkrieg zum Vorläufer von Pop bis Beuys. Genau 100 Jahre nach seinem Besuch in München erinnert das Lenbachhaus an diesen revolutionären Künstler und versucht herauszufinden, welche Einflüsse zu seiner radikalen Umwendung des Kunstbegriffs führten.
Erste Münchner Einzelschau
Der Auslöser der Reise scheint klar: Duchamp hatte Paris verärgert verlassen, nachdem sein Gemälde „Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2" im Salon des Indépendants abgelehnt worden war. Heute zählt es zu den berühmtesten Gemälden der Moderne und wird in der Ausstellung zum ersten Mal in Deutschland gezeigt. Für das Lenbachhaus ist dabei von großem Interesse, dass Duchamp in München Wassily Kandinskys Schrift "Über das Geistige in der Kunst" erworben und das Buch während der Lektüre mit Randnotizen versehen hatte. Die Zeit in München war produktiv für Duchamp. Bald nach seinem Besuch in der bayerischen Hauptstadt stellte er sein "Fahrrad-Rad" aus, das als erstes Readymade der Kunstgeschichte einen industriell gefertigten Gegenstand als Kunstwerk definiert.
Vita
Henri-Robert-Marcel Duchamp wurde am 28. Juli 1887 in Blainville-Crevon in Nordwesten Frankreichs geboren. Sein Vater arbeitete als Notar und die Familie pflegte ein ausgeprägtes Interessen für Kunst, Musik, Literatur und Schach. Duchamp absolvierte zunächst ein Volontariat in einer Druckerei, arbeitete später als Bibliothekar und studierte in den beiden Jahren 1904 und 1905 an der Académie Julian in Paris. Seine ersten Bilder malte er im Stil der Impressionisten. Zusätzliche künstlerische Anregungen gaben ihm seine beiden Brüder, die ihn mit dem Kubismus in Berührung brachten. 1913 fertigte Duchamp sein erstes Readymade an, vier Jahre später gab er die konventionelle Ölmalerei ganz auf. Er konzentrierte sich auf seine theoretischen Vorstellungen und konzeptionellen Überlegungen zur Kunst. Später ließ sein Kunstschaffen allmählich nach und er wandte sich dem Schachspiel zu, wo er es bei Turnieren bis zum offiziellen Vertreter Frankreichs schaffte. Ab dem Jahr 1942 lebte Marcel Duchamp in New York. Er starb am 2. Oktober 1968 in Neuilly-sur-Seine.
Vielfältiges Begleitprogramm
Neben regelmäßigen öffentlichen Führungen durch die Münchener Volkshochschule werden zu ausgewählten Terminen auch Kuratorenführungen durchgeführt. Außerdem wird der Dokumentarfilm der Reihe LIDO „Marcel Duchamp“ mit anschließendem Gespräch der Regisseurin Antja Harries gezeigt und im Café Luitpold ein Abend mit Schokolade, Schachteln und Schach „Bon appétit, Marcel!“ durchgeführt. Auch für Kinder ab sechs Jahren gibt es zu mehreren Terminen eine Familien-Schatzsuche mit Malen im Rahmen des Programms KUKI – Kunst für Kinder.
Weitere Informationen
Marcel Duchamp in München 1912
31. März - 15. Juli 2012
Lenbachhaus, Kunstbau Königsplatz / U-Bahn-Zwischengeschoss 80333 München
Tel.: 089 233 32 00 0
E-Mail: lenbachhaus@muenchen.de
Bild: Lenbachhaus