Mozart als süchtiger Spieler und Zocker? Als 2003 das Buch Mozart – Glück, Spiel und Leidenschaft von Günther G. Bauer erschien, war die Aufmerksamkeit enorm. Endlich Nahrung für die verbreitete Ansicht unter Normalsterblichen, ein Künstler müsse auch eine verborgene lasterhafte, sündige oder sonstige negative Eigenschaft haben,
damit er als Mensch greifbar wird, damit er vielleicht doch einer von uns und nicht ein Abkömmling des Olymp ist! Sterblich und hinfällig wie wir alle. Nun hat der Autor sein neues Buch vorgestellt.
Anhand seines Werkes blieb Mozart unangreifbar, aber schon der wortspielende Briefeschreiber half manchem, ihn als kindliches Gemüt abzutun, das nie die Gelegenheit bekommen hatte, wirklich erwachsen zu werden. Und dann diese Nachricht: Mozart ein Spieler! Da war sie, die dunkle Seite des Genies: Abhängigkeit und Sucht! Doch wollte Günther G. Bauer diese Sensationslust keinesfalls befriedigen. Mozart war ein leidenschaftlicher Billardspieler, in jedem Kaffeehaus stand damals ein Spieltisch, und Mozart leistete sich sogar einen zuhause. Auch sein Faible für Kartenspiele, Lotto und Lotterien, Gesellschafts- und Pfänderspiele und das Salzburger Bölzelschießen sind belegt. Abgesehen davon, dass es den Freizeitvierer Rundfunk-Fernsehen-Kino-Internet noch lange nicht gab, war das Spiel neben Zerstreuung und möglichem Geldgewinn in Mozarts Kreisen eine gesellschaftlich notwendige und geschäftefördernde Angelegenheit, vielleicht vergleichbar mit dem Stellenwert, den der Golfsport in manchen Zirkeln heute hat.
Nach dem Erscheinen des Buches gab ein Archivfund den Anstoß zu einem Folgeprojekt, das sich noch genauer mit Mozarts Alltagsablauf in finanzieller Hinsicht beschäftigt: die Genaue Rechnungstafel Wien 1788, die alle nur erdenklichen Preise und Lebenshaltungskosten dieses Jahres auflistete. Anhand dieser Leitschnur machte sich das Forscherteam um den Autor Günther G. Bauer an die Arbeit, Mozarts Einkommen und Ausgaben der Wiener Jahre 1781 bis 1791 genauestens zu rekonstruieren. Das Ergebnis: Mozart war Millionär, nachzulesen im vorliegenden Buch: Mozart – Geld, Ruhm und Ehre.
Globe-M: Herr Professor Bauer, wie ist das, wenn man Tag für Tag mit Mozart gelebt hat?
Günther G. Bauer: Ich lebe bereits seit 20 Jahren mit Mozart, und es ist ein wunderbares Gefühl und eine wunderbare Möglichkeit, in diese Zeit anhand von Dokumenten, anhand von Archivfunden, anhand der Kulturgeschichte einzutauchen. Ich habe ja das große Glück, in Wien und in Salzburg gelebt zu haben, und es ist eine unglaubliche Erfahrung, die man da auch heute 200 Jahre später noch machen kann. Und ich bin in dieser glücklichen Lage, zusammen mit meinen Mitarbeitern viele Funde gemacht zu haben, die bisher einfach unbekannt waren. In dieser Arbeit “Mozart - Geld, Ruhm und Ehre” stellen wir ein neues Mozart-Bild vor. Es ist ein anderer Mozart als man ihn bisher gekannt hat. Das berührt überhaupt nicht seine Musik und seine Genialität, sondern es ist die Frage, wie hat er gelebt, wie hat sein Alltag ausgesehen, wie konnte er seine Familie finanzieren, wie konnte er seinen Freunden unter die Arme greifen, er hat ja auch seinerseits viel Geld verliehen, und als er starb, hatte nicht nur er Schulden, sondern seine Freunde hatten bei ihm Schulden, also das weiß man ja meistens nicht, das heißt es ist, um auf ihre Frage zurückzukommen, faszinierend, und ich würde gerne noch 100 Jahre länger leben.
Globe-M: Hatte Mozart einen anstrengenden Alltag? War das schon so stressig wie unser Leben?
Günther G. Bauer: Ganz sicher, Ganz sicher, weil er sich einfach zu viel vorgenommen hat, viel zu viel unternommen hat, auch sein Alltagsleben war stressig, und er war ja auch in dem Sinn stets auf der Jagd nach Geld, das heißt, er musste ununterbrochen überlegen, wie werde ich mit den Schulden fertig, die Leute, die ihm Geld geliehen hatten, sind ja hinter ihm her gerannt, bis an den Kutschenschlag, wo ihm einer noch 30 Gulden abgerungen hat, das heißt, er hatte ungeheuer mit dieser Existenz, die er sich geleistet hat, zu kämpfen, und dazu kam ja noch dieses Riesenwerk, das ja aus weit über tausend Köchelverzeichnisnummern besteht, es sind ja nicht nur diese 626, die wir offiziell kennen, es war ja viel mehr.
Globe-M: Wie muss man sich die Arbeitsweise von Mozart vorstellen?
Günther G. Bauer: Er hatte immer Skizzenblätter bei sich und hat eigentlich immer und überall, auch in der Kutsche, auch wenn er irgendwo eingeladen war, auch wenn er zu Pferd war, hat er plötzlich ein Täfelchen herausgezogen und hat sich eine Idee aufgeschrieben und hat das dann in diesen stunden- und nächtelangen Arbeitssitzungen bei Kerzenlicht druckreif gemacht, bzw. für seine Kopisten hergerichtet.
globe-M: Mozart war nicht der Kindskopf, als der er manchmal dargestellt wird?
Günther G. Bauer: Nein, überhaupt nicht, vor allem etwas, Mozart konnte rechnen, das habe ich in dem Buch auch sehr genau beschrieben, er konnte rechnen, er hat Einnahmen vorausgerechnet und hat sie dann versucht wirklich zu erreichen, das heißt, er konnte mit Geld umgehen, er hat viel, viel Geld verdient, ein gutes Konzert hat ihm 500 Gulden eingebracht, also 15000 Euro, und er hat eigentlich, für seine Verhältnisse, sehr gut verdient. Aber er hat eben auf großem Fuß gelebt, und er hat leider die Manie gehabt, ständig mit Schulden, auf Schulden zu leben, und auf diese Weise sind ihm auch die letzten Schulden geblieben, trotz großer Einkünfte.
Globe-M: Mozart war jeden Abend in Gesellschaft. Liebte er die Zerstreuung?
Günther G. Bauer: Nein, das war berufsmäßig bedingt, er ist einfach in alle Vorstellungen gegangen, hat sich die Sänger angehört, die ja dann für ihn gesungen haben, und wenn wir bei der Oper bleiben, er ist ins Schauspiel gegangen, war immer auf der Suche nach neuen Texten, und er ist natürlich auch in Lesevorstellungen - er war ein ganz interessierter Mann und er ist in zig Gesellschaften gegangen, und Gesellschaften, die Assemblées, waren am Abend. Da hat er nicht überall selber spielen müssen, sondern er war eingeladen, und er war praktisch jeden Abend unterwegs oder er hatte zu Hause Gäste.
Globe-M: War Mozart zu einem hohen Lebensstandard gezwungen, um mithalten zu können in der bürgerlichen Schicht Wiens?
Günther G. Bauer: Nein, in der adeligen und großbürgerlichen Schicht! Um dort existieren zu können, musste er nobel gekleidet sein, musste er, wenn er eingeladen war, auch den dortigen Bediensteten oder wer dort gestanden ist mit der offenen Hand, mindestens einen Gulden geben oder noch besser einen Dukaten, und damit hat er sich einen guten Namen gemacht in den Kreisen.
Globe-M: Letztendlich hat die Welt 200 Jahre mit einem falschen Mozart-Bild gelebt. Das ist durch ihre beiden Bücher zum Thema gehörig ins Wanken geraten. Warum ist überhaupt dieses Bild entstanden?
Günther G. Bauer: Das ist ein Bild aus der Romantik und ein Bild aus der bisherigen Mozart-Literatur, wo sich noch niemand mit diesen Fragen beschäftigt hat, weil es eigentlich unmöglich war, an die Quellen heranzukommen, und wir sind die ersten, die diese Quellen in den Archiven und in Tagebüchern, in Briefen, in Dokumenten einfach aufgefunden und dann verarbeitet haben.
Globe-M: Das heißt also, Sie und ihre Mitarbeiter, das waren glaube ich 28…
Günther G. Bauer: …wir haben rund um die Uhr diese fünf Jahre gearbeitet. Sie müssen sich vorstellen, was für eine immense Arbeit es gewesen ist, beispielsweise auszurechnen, was ihn sein Notenpapier gekostet hat. Das können Sie mit Hilfe des Köchelverzeichnisses machen, es waren rund 10.000 Blätter, und wir wissen genau, was ein Bund Notenpapier kostet mit 48 Blättern, wenn Sie das hochrechnen, kommen Sie drauf, dass er die Hälfte seiner Figaro-Gage für Notenpapier ausgegeben hat. Das Buch hat unter anderem - außer 150 sehr wichtigen Bilddokumenten, die ja auch noch nie publiziert worden sind - 1200 Quellenverweise, so dass Sie bei all diesen Dingen, die hier angeführt werden, wenn Sie persönlich weiterforschen wollen, schauen können, wo diese Quellen sind. Wesentlich ist, dass jetzt in der Folge dieses Buches ganz wichtige Dokumente auftauchen. Wir haben ja um solche Informationen gebeten, und wir hoffen, dass wir eine zweite Auflage machen können, denn jetzt können wir aus privaten Archiven, aus privaten Bibliotheken, aus privaten Adelshäusern usw. Material bekommen, und das haben wir bereits, wir haben die ersten Zuschriften, wo Dinge korrigiert werden oder verbessert oder erweitert werden, und wir hoffen, dass wir damit diese Mozart-Forschung weiter in diese Richtung treiben können, und ich hoffe, dass ich noch alt genug werde, das alles zu erleben.
Globe-M: Vielen Dank für das Gespräch.
Roland Opschondek traf Prof. Dr. Günther G. Bauer bei der Buchvorstellung am 10. April 2010 in Salzburg.
Die Bücher
Mozart - Geld, Ruhm und Ehre
Prof. Dr. Günther G. Bauer.
2009. 366 Seiten mit 144 Abb. 16,5 x 23 cm. Leinen mit Schutzumschlag.
ISBN: 978-3-86796-001-4
€ 32.50 incl. Mwst
Mozart
Glück Spiel und Leidenschaft
Prof. Dr. Günther G. Bauer.
2., erweiterte Auflage 2005. 416 Seiten mit 69 Abb. 16,5 x 23 cm. Leinen mit Schutzumschlag.
ISBN: 978-3-87066-949-2
€ 28.90 incl. Mwst
Weitere Informationen unter:
www.bock-net.de
Der Autor
Em. Univ. Prof. Dr. HR Günther G. Bauer
Geb. 1928 in Bregenz
1951 Diplom für Schauspiel und Regie an der Akademie „Mozarteum“, Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte in Wien und Salzburg. 1978 Promotion zum Dr. phil.
Als Schauspieler Engagements u. a. am Landestheater Salzburg, am Deutschen Theater Göttingen, dreizehn Jahre am Burgtheater Wien.
Als Regisseur am Theater der Jugend Wien, an den Vereinigten Bühnen Graz, am Renaissancetheater Berlin und in der Kleinen Komödie Frankfurt, Welttournee mit den Wiener Sängerknaben.
Seit 1971 Professor für Schauspiel an der Hochschule „Mozarteum“
Von 1983-1991 Rektor der Hochschule „Mozarteum“. 1996 zum Hofrat ernannt.
Ab 1990 Gründer und Leiter des „Institutes für Spielforschung und Spielpädagogik“.
Seit 1979 Generalsekretär des Österreichischen P.E.N.- Clubs Salzburg, ab 1997 Präsident.
Ausgezeichnet u. a. mit dem Ehrenkreuz für Kunst und Wissenschaft 1. Klasse, dem Goldenen Ehrenzeichen der Republik Österreich.
Foto: Roland Opschondek