„Jene fünf verdammten Jahre“

Trasporto © KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

So bezeichnet Vittore Bocchetta seine Zeit in den deutschen Konzentrationslagern Flossenbürg und Hersbruck. Erst Mitte der 1980er Jahre schreibt der heute 93-Jährige Sprachwissenschaftler seine Autobiografie. Seine Erfahrungen in der Welt der Lager hält er aber auch in zahlreichen Zeichnungen fest.

Neben dem künstlerischen Wert hat sein Werk eine unschätzbare Bedeutung als Zeitdokument: Manches, was in Flossenbürg und Hersbruck geschah, ist nur in Bocchettas Zeichnungen überliefert. Doch Bocchetta ist nicht nur Vertreter der „KZ-Kunst“, seine Themen sind von allgemeinmenschlicher, zeitloser Gültigkeit. Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg zeigt nun eine Auswahl seines Gesamtwerks.

Angenäherte Erinnerung

Als Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung in Italien 1944 verhaftet, wird Bocchetta in das KZ Flossenbürg, später in das Außenlager Hersbruck verschleppt. Die Häftlinge sind Sklavenarbeiter. Sie müssen Stollen für die Untertageproduktion von Flugzeugmotoren bauen. Die Arbeit vernichtet die Häftlinge: Fast jeder zweite der rund 10 000 Gefangenen des KZ-Außenlagers Hersbruck stirbt an Hunger, Kälte, Krankheiten, durch Arbeitsunfälle oder die Gewalt der SS und der Kapos. Im Frühjahr 1945 wird das Lager evakuiert, ein Todesmarsch, auf dem Bocchetta die Flucht gelingt. Enttäuscht von der politischen Situation im Nachkriegsitalien wandert er nach Südamerika aus. Ende der Fünfziger Jahre erhält er eine Professur für Literatur in Chicago, die er 1972 aufgibt, um sich ganz der Malerei und Bildhauerei zu widmen. Erst vierzig Jahre nach seiner Befreiung beginnt Bocchetta, seine Lagererlebnisse zu verarbeiten. Worte allein genügten ihm aber nicht, die Leiden der Häftlinge zu erinnern, so Bocchetta in seiner Rede zur Ausstellungseröffnung: Wie die „ersten Menschen auf Höhlenwände“, so habe er „die Zeichen seiner Erinnerung auf Papier gekratzt“. Bocchetta zieht selbstkritisch Bilanz: Er glaube nicht, „viel erreicht“ zu haben, aber immerhin habe er versucht, „auf seine Weise“ der Wahrheit „näher zu kommen“. Dass ihm dies gelungen ist, zeigt ein Bild wie „Trasporto“: Mit gebeugten, kreidebleichen Köpfen ziehen Menschen durch eine Straße, der Himmel verfärbt von Feuer und Rauch. Ein Gemälde, das allgemeingültig ist. Nicht nur, weil abertausende solcher Transporte im besetzten Europa des Zweiten Weltkriegs Alltag waren, sondern auch, weil es das immer wiederkehrende Leid von Verschleppung, Vertreibung und Flucht tief im Gedächtnis jedes Betrachters verankert.

Existentialistische Malerei

1944, im Jahr von Bocchettas Verhaftung, wurde Jean-Paul Sartres Drama „Geschlossene Gesellschaft“ uraufgeführt. Zwei Frauen und ein Mann finden sich nach ihrem Tod in der Hölle wieder: ein geschlossener Raum, kein Feuer, keine Körperqualen. Bald müssen die Drei feststellen, dass sie dazu bestimmt sind, sich gegenseitig zu quälen: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Bocchetta hat den französischen Titel von Sartres Stück für ein Gemälde übernommen: „Huis clos“ – „geschlossene Türen“. In der Tradition der italienischen „Pittura Metafisica“ gemalt, zeigt es Menschen in einem Kreis, immer neue treten durch eine einzige Tür. Doch die Personen bleiben für sich, die Köpfe gebeugt, die Hände in die Hosentaschen vergraben oder in die Hüfte gestemmt. Die fahlen Gelb-, Rot-, und Grautöne, die langen Schatten verstärken den Eindruck von Verlorenheit und Trostlosigkeit. Bocchettas „Huis clos“ ist nicht einfach dem existentialistischen Zeitgeist geschuldet, der schließlich bei einer ganzen Generation en vogue wurde. Seine Malerei spiegelt die existentielle Erfahrung des Überlebenden und Emigranten: die Angst, keine Zuflucht mehr zu finden, ausgegrenzt zu werden, einfach keine Kraft mehr zu haben. „Die Hölle, das sind die anderen“ – diese Erfahrung musste Bocchetta auch tagtäglich im Lager machen.

Sein Bild „Le docce“, ist Zeugnis einer Gewaltorgie in den Häftlingsduschen und zeigt, dass selbst Mithäftlinge eine ständige Bedrohung waren. In ihrem perfiden System des Terrors machte die SS Häftlinge zu Mittätern: Für ein paar Vergünstigungen, aus Angst vor Folter, für die vage Aussicht, selbst zu überleben, waren die Opfer gezwungen, Solidarität und Menschlichkeit aufzugeben.

Fotos: Copyright KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Weitere Informationen

Rückkehr – Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen von Vittore Bocchetta Ausstellung vom 25. Januar bis 13. April 2012

KZ-Gedenkstätte Flossenbürg Gedächtnisallee 5-7  92696 Flossenbürg

KZ-Gedenkstätte Flossenbürg (www.gedenkstaette-flossenbuerg.de)

 
 

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