"Könntest du Dir die Welt ohne Alkohol vorstellen?“ In seinem Dokumentarfilm „Giftchen“ bebildert der Regisseur Konrad Kästner behutsam, welche Brisanz das Thema Alkohol für unsere Gesellschaft hat und schickt „Giftchen“ damit erfolgreich auf Festivalreise. Unter anderem läuft der Film im Dokumentarfilm Wettbewerb auf dem Sehsüchte Festival Berlin. Weshalb er diesen Film gemacht hat und was ihm schwer gefallen ist, schildert er globe-M.
globe-M: Was ist deine erste Assoziation zu Alkohol?
Konrad Kästner: Spaß.
globe-M: Interessant, „Giftchen“ ist doch eher ein trauriger Film, oder?
Konrad Kästner: Das Traurige ist, dass man ohne Alkohol keinen Spaß haben kann. Ich war gestern auf einer Party, wenn ich da nichts getrunken hätte, wäre der Abend sehr schnell vorbei gewesen. Der Film ist allerdings keine Hasspredigt, man soll nach dem Film nicht aufhören zu trinken, das kann ich nicht fordern, und das will ich auch gar nicht. Ich will bewusst machen, dass es ein tiefgreifendes Problem ist. „Giftchen“ richtet sich auch an Angehörige, um denen die Augen zu öffnen, um das Problem des Alkoholismus überhaupt erst mal wahrzunehmen.
globe-M: . . . auf Grund deiner persönlichen Geschichte?
Konrad Kästner: Als ich ein Kind oder Jugendlicher war, war meine Mutter oft betrunken und ich habe es nie gemerkt. Ich habe davon sehr wenig mitgekriegt, eins und eins nicht zusammen gezählt.
Wenn ich das bei meiner Mutter nicht mitbekomme – kriege ich es dann bei mir mit? Ab wann bin ich denn Alkoholiker und wie merke ich das? Wann ist die Party vorbei? Wann gehe ich nach Hause? Wenn meine Mutter nicht Alkoholikerin gewesen wäre, dann würde ich genauso viel trinken, aber nicht darüber nachdenken.
globe-M: Ab wann ist man Alkoholiker?
Konrad Kästner: Das muss jeder selbst entscheiden. Da gibt es keine klare Grenze. Ab wann kriegt man sein Leben nicht mehr in den Griff? Das große Ding ist es, wenn man sich seinen Tagesablauf ohne Alkohol nicht mehr vorstellen kann. Ich weigere mich die Grenze festzulegen. Beispiel: Schweißhände oder morgendliches Zittern, der bekannte Flattermann, wären Signalzeichen – und dann kommen die Ausreden „Ich habe das zwar, aber ich trinke morgens nichts, das spricht mich dann wieder frei“. Man biegt sich die Wahrheit sehr zurecht.
globe-M: Alkohol gilt als normal in unserer Gesellschaft. Da ist es schwer die Grenze zu erkennen, oder?
Konrad Kästner: Alkohol ist so stark in unsere Gesellschaft verwoben, dass wir es nicht schaffen, mit Alkoholproblemen umzugehen. Jeder, der einen Alkoholiker sieht, kriegt Schiss, weil er sich darin wieder erkennen könnte. Viele haben Probleme mit Alkohol, es wird aber nur durch den Penner an der Straßenecke sichtbar. Wir haben in „ Giftchen“ ein paar Protagonisten, bei denen niemand auf der Straße denken würde, dass das Alkoholiker sind. Alkoholiker sind nicht automatisch „Penner“, viele haben Alkoholprobleme, aber niemand gibt es zu. Es herrscht gesellschaftlich eine große Angst vor dem Thema, mehr als vor anderen Krankheiten.
globe-M: Warum hast du einen Film über Alkoholismus gemacht?
Konrad Kästner: Es ist ein Film über Alkoholiker als Teil unserer Gesellschaft. Die Intention war, zu zeigen, dass Alkoholiker auch Menschen sind, und das der Alltag für sie sehr schwierig ist, da Alkohol überall und ständig präsent ist – auch als normal gilt. Nicht zu trinken ist merkwürdig.
globe-M: Hat sich deine Sicht auf Alkohol seit dem Film verändert?
Konrad Kästner: Ja. Ich habe Angst davor und es macht bei weitem nicht mehr so viel Spaß zu trinken.
globe-M: Aber war diese Angst nicht schon vorher da? Als eine Art Motivation, den Film überhaupt zu machen?
Konrad Kästner: Das war mehr eine Frage in der Hoffnung, dass ich eine Antwort kriege. Bin ich Alkoholiker? Davor habe ich Angst. Ich gehe seit dem bewusster mit Alkohol um.
globe-M: Was war ein schwerer Moment beim Dreh?
Konrad Kästner: Als wir an einem Drehtag zu Rolf, einem der Protagonisten, gekommen sind und der eine Flasche Korn zum Frühstück hatte. Rolf hatte uns vorgespielt, dass er trocken ist, und das war der Moment, in dem wir live bei seinem Rückfall dabei waren. Das haben wir auch in den Film genommen, aber lange darüber diskutiert. Wie sehr nutze ich die Situation, dass es jemand anders gerade sehr schlecht geht? Ich glaube, wir haben Rolf nicht entwürdigend gezeigt, dass war mir wichtig.
globe-M: Alle Protagonisten sind Alkoholiker. Nicht den Eindruck zu erwecken, sie abwerten zu wollen, war sicherlich eine Gratwanderung. Wie habt ihr das gemacht?
Konrad Kästner: Ich habe den persönlichen Ansatz gewählt, dass man nicht von oben herab schaut und mit dem Finger auf „die Anderen“ zeigt, sondern sagt, dass Alkohol ein riesiges Problem ist und ich das auch nachempfinden kann. Deshalb bin ich auch im Film. Es hat sich durch den Dreh ein großes Vertrauen aufgebaut und das sieht man auch in den Interviews: Die wollten auch darüber sprechen und wurden nicht genötigt irgendwas zu sagen. Alle Protagonisten haben den Film vorher gesehen, und obwohl es sehr schwierig für sie war, damit umzugehen haben alle den Film abgesegnet.
globe-M: Was war ein schöner Moment bei dem Dreh?
Konrad Kästner: Das lange Interview mit meiner Mutter. Das war als solches nicht schön, aber ein sehr befreiendes Gespräch.
Weitere Informationen:
Giftchen läuft:
26.4.2012 im Thalia in Potsdam
Konrad Kästner wurde 1984 in Leipzig geboren und war nach seinem Abitur mehrere Jahre in Südafrika als Regieassistent und Researcher für Werbe- und Dokumentarfilme tätig. Seit 2005 studiert er Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam und führte unter anderem Regie bei “ETWAS ich”, “hab dich!”, und “Japaaan!”, mit denen er auf mehreren internationalen Festivals lief. Außerdem führte er Regie bei zwei Episoden des Projektes “24h Berlin”. Derzeit arbeitet er als freier Videokünstler unter anderem für Theaterproduktionen des Hans Otto Theaters Potsdam, des Stadttheaters Bielefeld und der Kammerspiele des Deutschen Theaters Berlin.“Giftchen” ist sein Abschlussfilm an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam.