Der Stummfilm in unserer Zeit

Lang, lang ist’s her, dass das Filmemachen eine wahrhaftig neuartige Kunst war! Unvorstellbar für uns, die neue Generation, die wir doch aufgewachsen sind in einer omnipräsenten, von ständiger Verfügbarkeit geprägten Medienkultur.

Unvorstellbar, dass es einmal eine Zeit gab, in der man sich den neuesten Film nicht auf DVD ausleihen oder aus dem Internet besorgen und ihn abends bei Bier im Freundeskreis anschauen konnte. Unvorstellbar auch, dass es einmal Videos gab, die ohne Ton auskommen mussten – keine Musik, keine Dialoge, keine Special Effects! Von „Avatar“-Freuden weit und breit nichts zu sehen.

Tatort: Manege

Gerade deswegen erstaunt es einen Bewohner unserer gar nicht so modernen Welt, die ihre Vergangenheit oft nicht kennt, so sehr, dass gerade diese Beschränkungen in früheren Zeiten äußerst kreativitätsfördernd wirkten. So besuchte der Autor letztens die Vorführung eines Stummfilms von 1927 namens „The Show“. Der Regisseur dieses Filmes, Tod Browning, ist bekannt für seine grotesken Zirkusfilme. Auch „The Show“ ist voll von alten Zirkustricks, mit dem, was man landläufig „billige Effekthascherei“ nennt: eine Exekution wird vorgetäuscht, abgetrennte Gliedmaßen zur Schau gestellt, einstmals prächtige Theaterkostüme aus zweiter Hand. Die Story spielt im Budapest der 1920er Jahre: vernachlässigte Umgebung, Zirkusartisten der niedrigsten sozialen Schicht, ein einfaches working-class-Publikum, gnadenlos überschminkte Frauenfiguren. Und doch kann man sich hinter dem Schwarz/Weiß eine Farbenprächtigkeit und Lebhaftigkeit vorstellen, die uns irgendwann im zwanzigsten Jahrhundert verloren gegangen sein muss. Wo sonst sähe man heute einen Vertreter jener Künstlertype, die mit Hosen bis zum Bauchnabel und Matrosenshirt allen Frauenzimmern das Herz bricht?

Geschüttelt, nicht gerührt: Männlichkeit

Cock Robin, der Impresario der „Show“, ist eingebunden in die grausamen Überlebensstrukturen; umgeben von gewissenlosen Kleinkriminellen und geliebt von wehrlosen Frauen ist sein Leben in einem ständigen Zustand zwischen „Show“ und Realität. Der Film spielt mit diesem Gegensatz, indem er beide Ebenen ineinander fließen lässt. Schließlich vermischen sich die beiden Ebenen. Jedoch ist das nicht einfach Wahnsinn; der ist zu dieser Zeit den Angehörigen der oberen Schichten und der Tragödie vorbehalten, frei nach Aristoteles‘ Poetik. Am Ende entdeckt Cock Robin sein Herz, und die Fügung des Schicksals führt ihn zu einem glücklichen Ausgang der Geschichte. Der Verbrecher ist tot, seine Frau gehört ihm. Es ist im Prinzip keine schlechte Story, und doch ist die Geschichte nicht das, worauf man als aufmerksamer Beobachter sein Augenmerk richten sollte. Vielmehr ist die Art und Weise der Verfilmung viel interessanter. Der Zuschauer steht vor einem Monument einer untergegangenen Epoche. Dass wir ein Dokument dieser Zeit haben, das uns ihre Atmosphäre näherbringt, die Unterschiede zu damals, aber auch die Gemeinsamkeiten aufzeigt, ist durchaus etwas Besonderes. Zumal die meisten Kinos fast keine alten Filme mehr zeigen.

Wie virtuell kann der Mensch sein?

Die Charaktere, die heute weniger klischeehaft als originell wirken, der Gestus und Habitus der 1920er Jahre, all dies macht einen Stummfilm wie „The Show“ betrachtenswert, auch wenn er nicht das beste Exemplar seiner Gattung ist. Die Flügelbegleitung im Münchner Filmmuseum war nicht schlecht, aber auch nicht gut, zum Glück aber keineswegs aufdringlich. Die mittelmäßige Qualität lag zum einen wohl daran, dass der langjährige Begleiter Aljoscha Zimmermann vor einigen Wochen starb; aber auch daran, dass das einzige Exemplar von „The Show“, das dem Filmmuseum verfügbar war, erst am Tag seiner Aufführung ankam und der Ersatzpianist völlig improvisieren musste. Ungeachtet dieser Umstände lassen sich durch den Stummfilm neue Perspektiven auf das Medium Film gewinnen. Er zeigt Alternativen auf: zeitliche, kulturelle und visuelle. Dies ist sein besonderer Wert in einem Zeitalter (denn davon kann man wohl sprechen), in der man vor lauter Digitalisierung versucht ist, das Materielle des Films zu vernachlässigen oder gar zu vergessen: nämlich, dass der Film aus einer physischen, menschlichen und nicht perfekten Welt kommt.

Expertenstimmen Archiv

DatumSortiericonTitel
20.Mai.2013Visuelle Themenwelten
18.Mai.2013Himmel und Wasser
18.Mai.2013Bösewicht mit großem Herz
16.Mai.2013Musterhaft
10.Mai.2013Berlin Transit
10.Mai.2013„Theater ist für mich der Ur-Moment“
09.Mai.2013Cindy Sherman im MoMA
09.Mai.2013Für Recht und Gerechtigkeit
09.Mai.2013Kunst und Kommunikation
08.Mai.2013Mehr als kleine Strichmännchen
08.Mai.2013Schauen und Staunen
08.Mai.2013Designzauber aus dem Norden
08.Mai.2013Näkemiin Suomi!
08.Mai.2013Lebendige Folien - Media Art von Saana Inari
08.Mai.2013Szenetreff versus Beschaulichkeit
08.Mai.2013Jung und echt unter deutscher Flagge
08.Mai.2013Der Malteser Schatz
08.Mai.201340 Jahre „Schwarzer September“
08.Mai.2013Glamour auf rotem Teppich
08.Mai.2013Produktion und Verwertung
08.Mai.2013Bilderkrieg
08.Mai.2013Das menschliche Maß
08.Mai.2013Ein scheinbar unmögliches Projekt
08.Mai.2013Blindes Verständnis
08.Mai.2013Tanz, Musik, Film und Text
08.Mai.2013WÖRTER VON MORGEN (Teil I)
08.Mai.2013WÖRTER VON MORGEN (Teil II)
08.Mai.2013Revolutionär in München
08.Mai.2013Frecher Salon
08.Mai.2013Umstritten und gefeiert
08.Mai.2013MUSIC IN YOUR FACE – VIA YOUR EARS
08.Mai.2013Bittere Künstlersatire
07.Mai.2013 Der Massenkultur entgegen
05.Mai.2013 Ein Traum fürs Leben
03.Mai.2013Knallgelbe Friedenserklärung
27.Apr.2013Vision vom urbanen Klangkörper
24.Apr.2013Sahra Wagenknecht, die Linke
23.Apr.2013HEX ‑ Urban Tattoos
17.Apr.2013Konkurrenz am Wühltisch
17.Apr.2013Hochbrisante Wirklichkeit
11.Apr.2013Changierende Distanz
11.Apr.2013"Litauen gibt seinen Künstlern Nahrung"
06.Apr.2013Bunte Diskursmode für alle
27.Mär.2013Im Taxi mit Jeanne Moerau
19.Mär.2013"Die Kunst in Ungarn ist nicht unfrei"
10.Mär.2013An der Zukunft mitbauen
10.Mär.2013 Mit Blick in die Ferne
07.Mär.2013Erfahrungen aus der Griffzone
05.Mär.2013Da müssen wir ein Buch draus machen!
04.Mär.2013Liebe und Unzufriedenheit
03.Mär.2013Herztöne – ein Gespräch mit Jennifer Ulrich
14.Feb.2013"Film als Brennglas der Stadtgeschichte"
10.Feb.2013MANCHE DINGE HABEN DAUER
09.Feb.2013Kino ist Kunst und Kommunikation
04.Feb.2013Jackie Kennedys Kleider
02.Feb.2013Glückliche Horrormutter
29.Jan.2013Indigene Filmperlen auf der Berlinale
21.Jan.2013Auf allen Bühnen gleichzeitig tanzen
20.Jan.2013Mozart nach Zahlen
19.Jan.2013ÜberdieKäfferTinglerundmitBetonungVorleser
18.Jan.2013Sittengemälde oder Sozialpornographie?
15.Jan.2013"Ich will einen depperten Wiener spielen!"
14.Jan.2013Geburtstag einer Cartoonistin
14.Jan.2013Hochkaräter zum Discountpreis    
10.Jan.2013„Ich war dann halt immer die Pluhar“
09.Jan.2013Helmut Newton – Eine Welt ohne Männer
05.Jan.2013Malen ist meine Meditation
30.Dez.2012Nackte Männer
30.Dez.2012Der WOW-Effekt
28.Dez.2012 Silence – Der Wahnsinn der Alltäglichkeit
25.Dez.2012Im Bauch von Berlin
15.Dez.2012MTV-Clipart trifft auf Emotion
15.Dez.2012Die Frage der Kraft
08.Dez.2012Verstand und Gefühl
05.Dez.2012 Kunstkritik für Gebildete
03.Dez.2012Der Garmisch-Cop in Berlin
02.Dez.2012Spaß an der Freude
29.Nov.2012Rostige Nägel und Filmsternchen
27.Nov.2012Spielraum für Heldinnen
27.Nov.2012Jahres-Zeitenwechsel
22.Nov.2012Endlich erwachsen – dank Pastewka
20.Nov.2012Auf Herz und Nieren geprüft
20.Nov.2012Bernd ist jetzt ganz gut festgehalten
19.Nov.2012Blockflöten-Botschafterin
16.Nov.2012"Ich will eine Kinski-Erscheinung sein"
14.Nov.2012Literatur pur!
11.Nov.2012„Auf die Länge kommt es an“
05.Nov.2012Rätselreise durch fünf Jahrhunderte Malerei
05.Nov.2012Im Geiste der Moderne
31.Okt.2012Geschichtenerzähler
31.Okt.2012Mode-Hybride bei Dulce Estrada
24.Okt.2012V-Couture: Mut zum Korsett!
24.Okt.2012Das tektonische Chaos
24.Okt.2012Leserbrief - Babelsberger Schule
24.Okt.2012Sequioa Tees - Anziehende Kunst
21.Okt.2012Bei Nacht und Nebel
21.Okt.2012globe-M Interview: Leah Stuhltrager
21.Okt.2012Nonkonformismus ohne Manifest
16.Okt.2012Berlinale-Burnout
16.Okt.2012Arktische Berlinale
16.Okt.2012GEMÜTLICHE HALBPROMINENZ
16.Okt.2012Meyers Überraschungserfolg
16.Okt.2012MATUSSEK MACHT MUT
16.Okt.2012TEIGTASCHENRAVIOLISONG
13.Okt.2012Gleisdreieck der Kunst
11.Okt.2012Potsdamer Räume
10.Okt.2012Portraits, Porzellan und Propaganda
07.Okt.2012Ein Augenblick für die Ewigkeit
07.Okt.2012Dolce Vita in der Kirche
07.Okt.2012Kritisches Spielzeug
07.Okt.2012Der freie Radikale
07.Okt.2012Zwischen Meeresgöttern und Gestirnen
05.Okt.2012Intellektuelle Alternative
05.Okt.2012Foreign Affairs - Zero Yen Haus und Nowhere
06.Sep.2012Reise in die Welt der Fantasie
03.Sep.2012Technosensual - Mode trifft Technologie
28.Aug.2012Kunst im Zwischenraum
27.Aug.2012Fantasy is Kult
27.Aug.2012Europäischer Dialog in Versen
27.Aug.2012Unter dem Museumsmond
25.Aug.2012Zeitlos Schön – 100 Jahre Modefotografie
25.Aug.2012Alle Wege führen nach…
16.Aug.2012Böse Freiluft-Cartoons
16.Aug.2012Objekte schreiben Migrationsgeschichte
14.Aug.2012"... ein langer Weg zurück"
10.Aug.2012Ruhe tut der Kunst gut
09.Aug.2012Wiener Blut auf der Berlinale
08.Aug.2012Justinus Pieper trifft ... Gabriele Gärtner
06.Aug.2012Die schöpferische Welt verstehen
03.Aug.2012Special Coaching Methode
01.Aug.2012Von Katzen und Vampiren
20.Jul.2012Entfesselte Kunst
15.Jul.2012Wiener Gold
02.Jul.2012Fähnchen jeglicher Couleur
26.Jun.2012Unsichtbares auf Zelluloid gebannt
24.Jun.2012BAYERISCH-SIAMESISCHE ZWILLINGE 1|2
21.Jun.2012Flüssiges Schwarz
21.Jun.2012Schlau kooperiert
11.Jun.2012Fotokunst im Kiez
02.Jun.2012Gegen den Mainstream
02.Jun.2012„...ein ganz merkwürdiger Anachronismus“
30.Mai.2012Kunstüberschreitungen
30.Mai.2012René Gruau - Mode und Automobil im Dialog
25.Mai.2012DIA:Beacon - Minimal Art im Vorstadtidyll
24.Mai.2012Google Ludens
24.Mai.2012Schiaparelli und Prada - Imaginäre Konversation
21.Mai.2012Von Playboy-Häschen und Theatergrößen
14.Mai.2012Mehr als nur Harfe
09.Mai.2012Gleich-anders: Nähseide und Beton
08.Mai.2012Ein verlorenes Land
01.Mai.2012Fassbinders geheimes München
30.Apr.2012WEISS AUF SCHWARZ
28.Apr.2012GIFTCHEN
22.Apr.2012Musikalische Jahreszeiten
17.Apr.2012Orchester in Gefahr