Eine neue Ausstellung im Museum für Kommunikation in Berlin beleuchtet die deutsche Do-It-Yourself Bewegung von ihren Anfängen im 19. Jahrhundert bis zu den modernsten sozialen Ausprägungen im Web 2.0.
Guerilla-Gärtnern, Up-Cycling oder öffentliche Strickaktionen sind kreative und soziale Trends, die sich erst in den letzten Jahren entwickelt haben. Auf den ersten Blick würde niemand diese neuen gesellschaftlichen Strömungen mit den Entdeckungen der Amateurwissenschaftler des späten 19. Jahrhunderts in Verbindung bringen.
Und doch haben all diese Dinge den gleichen Ursprung: Sie entstanden aus der Lust am Selbermachen, am Do-It-Yourself.
Mach es selbst
“Do It Yourself. Die Mitmachrevolution” spannt den inhaltlichen Bogen von den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts über die Heimwerkerkultur der 1960er und 1970er bis hin zu den digitalen Medien und der heutigen Netzkultur.
Die Ausstellung ist in fünf thematische Bereiche aufgeteilt: Hobby, Arbeit, Gegenkulturen, Wissen und Medien. In jedem Teil werden die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Trends analysiert, die zu den entsprechenden DIY-Kulturen führten oder von ihnen inspiriert wurden.
Steckenpferde
Umgangssprachlich assoziiert man DIY am ehesten mit Heimwerken oder klassischen Handarbeiten. So beginnt der erste Ausstellungsbereich direkt mit dem Thema Hobby, und zwar mit einer Lieblingsfreizeitbeschäftigung der Deutschen – dem Heimwerken.
Die Heimwerkerkultur entstand in den frühen 1960ern, als die Bürger der BRD im Rahmen des Wirtschaftswunders zunehmend Zeit fanden, ihre Wohnungen zu verschönern. Hohe Preise und der allgemeine Facharbeitermangel brachten viele Männer dazu, selbst Hand anzulegen.
Ende der 1960er eröffneten in Deutschland die ersten Bau- und Gartenmärkte und kurbelten diese Entwicklung noch zusätzlich an.
Frauen-Power
In den letzten Jahrzehnten entdeckten auch Frauen zunehmend die Heimwerkerei, obwohl bei ihnen der Schwerpunkt häufig auf der „weichen“ DIY, also der Verschönerung der Innenräume, liegt.
Firmen und Baumärkte bemühen sich, die weibliche Zielgruppe mit verschiedenen Strategien anzusprechen, von Heimwerkerkursen speziell für Frauen bis hin zu besonders handlichen und kleinen Werkzeugen.
Links vom Eingang zeigt eine Vitrine Bohr- und Handwerkermaschinen aus verschiedenen Jahrzehnten, inklusive zweier Modelle, die Frauen auch optisch ansprechen sollten: ein Akkubohrer in schweinchenrosa und ein Modell, das mit funkelnden Swarowski- Steinchen besetzt ist.
I’m working, yes indeed
Der nächste Ausstellungsbereich widmet sich der Arbeit. Der Begriff Arbeit kennzeichnet hier die Anwendung von DIY im modernen Erwerbsleben aber auch das Selbermachprinzip als Wirtschaftsfaktor.
Zum Beispiel gibt es heute den „arbeitenden Kunden“. Dieser Kunde transportiert und baut seine Möbel selbst, anstatt sie sich liefern zu lassen, nutzt SB-Tankstellen oder scannt in Geschäften die gekauften Waren an Selbstbedienungskassen ein. Da er freiwillig Arbeitsschritte übernimmt, die sonst der Dienstleister oder das Geschäft erbringen müsste, wird der arbeitende Kunde zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor.
Auch das Reparieren und Umfunktionieren von Gebrauchsgegenständen hat eine Veränderung erfahren. Traditionell war die Reparatur von Gegenständen eine wirtschaftliche Notwendigkeit, wie beispielsweise im Nachkriegsdeutschland oder in der DDR. Heute wird Reparieren als kreatives Konzept begriffen, mit dessen Hilfe man aus kaputten Gegenständen neue und schönere Dinge gestalten kann.
Der Trend existiert nun in einer ganz neuen Form. Im Rahmen von „Up-cycling“ oder „Re-Design“ werden aus alten Dingen neue Kleidungsstücke oder Acessoires gefertigt oder aus Abfall Kunst- und Gebrauchsgegenstände neu geschaffen. Mit Hilfe des Web 2.0. können die Mikroproduzenten ihre selbstgemachten Waren verkaufen. DIY wird somit zu einem tragfähigen Erwerbsmodell.
Wir sind dagegen
Historisch ist Do-It-Yourself stark mit Gegenkulturen und subversiven Elementen verbunden und hat somit auch eine politische Ausrichtung.
In diesem Abschnitt der Ausstellung sieht man selbstgemachte Zeitschriften und Fanzines aus den 1960ern, 1970ern und 1980er, eine Form des sozialen Protests, der im digitalen Zeitalter per Twitter, Facebook oder Blog weitergeführt wird. Kreative Subkulturen wie die Hippie- oder Punkbewegung werden hier ebenfalls porträtiert und natürlich sind auch die modernen sozialen Protestbewegungen vertreten.
So hat sich das Guerilla-Gärtnern das Begrünen und Bepflanzen des öffentlichen Raumes zum Ziel gesetzt, während beim Guerilla-Knitting, einer Form der Street Art, Gegenstände des öffentlichen Raumes eingestrickt werden.
Wer? Wie? Was?
Um etwas selber zu machen, muss man zuerst wissen, wie es funktioniert. Der nächste Teil der Ausstellung widmet sich dem Bereich Wissen und Wissensvermittlung.
Im Zuge der Industrialisierung wurden Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Experimentierbücher veröffentlicht. Diese richteten sich an interessierte Laien, stellten die neuesten technischen Entwicklungen vor und gaben Hinweise für die praktische Anwendung.
Anfang des 20. Jahrhundert kamen dann die ersten Experimentier- oder Bastelkästen auf den Markt. Hier wurden neben den Anleitungen alle notwendigen Materialien für die Versuche direkt mitgeliefert.
Bastel- und Technikbücher, die jeweils die vorherrschenden technischen Trends reflektierten, blieben auch in den darauffolgenden Jahrzehnten beliebt. Ab den 1970ern gab es in der BRD auch TV-Serien, die sich mit Basteln und Selbermachen beschäftigten, wie zum Beispiel Löwenzahn oder die Hobbythek.
Und durch das Internet und die rapide Entwicklung der digitalen Medien werden heute völlig neue Strategien der Wissensvermittlung und des Wissensmanagement entwickelt.
Adenauer und das Stopfei
In diesem Teil der Ausstellung werden auch bahnbrechende Erfindungen von Laienforschern vorgestellt.
Die Technik der Litografie und damit des Offsetdrucks wurde beispielsweise Anfang des 19. Jahrhunderts von dem Schauspieler Alois Senefelder entwickelt, der damit seine eigenen Theatertexte vervielfältigen wollte.
Und der Erfinder des Morse-Apparats war eigentlich ein Kunstprofessor, der sich eher nebenbei für chemische und elektrische Experimente zu interessieren begann. Der Politiker Konrad Adenauer war übrigens ebenfalls ein Laien-Erfinder und entwickelte unter anderem ein beleuchtetes Stopfei.
Verkauf dich selbst
Im letzten Ausstellungsbereich geht es um das DIY-Prinzip in den Medien.
Ob es sich um das Hochladen eines YouTube Clips handelt, um Blog-Posts oder E-Commerce, im Web 2.0. ist jeder nicht nur Konsument sondern auch Produzent, der eigene Medienprodukte vertreibt und sich mit Gleichgesinnten auf der ganzen Welt vernetzt. Somit bietet die digitale Medienwelt das ultimative Selbstmach- (oder Selbstdarstellungs-) Instrumentarium.
Die mediale Verbreitung der eigenen Präsenz ist aber keine Erfindung der Nullerjahre. Schon lange vor der Entwicklung des ersten Personal Computers gab es Amateurfotografen, -Filmer und -Radiobastler. Die Ausstellung präsentiert beispielsweise Radioausschnitte von Piratensendern aus den 1980ern oder die Bilder des Fotoamateurs Julius Neubronner, der Tauben mit Umschnallkameras versah und so 1908 die Brieftaubenfotografie erfand.
Weitere Informationen
"Do It Yourself. Die Mitmachrevolution” ist noch bis zum 2. September 2012 im Museum für Kommunikation Berlin zu sehen.
Es gibt ein umfangreiches museumspädagogisches Begleitprogramm für Kinder und Erwachsene. Unter anderem kann man im Tüftler-Lab selber verschiedene traditionelle und moderne Bastel- und Handwerktechniken im Rahmen von Workshops ausprobieren.
Der Eintritt kostet 3 Euro (ermäßigt 1,50 Euro)
Museum für Kommunikation Berlin, Leipziger Straße 16, 10117 Berlin
Do It Yourself. Die Mitmachrevolution